Es war einmal vor nicht ganz so langer Zeit ein Stamm, der in Nordamerika friedlich mit der Natur im Einklang lebte.

Der Anführer des Stammes war ein weiser alter Mann namens Schlauer Fuchs, der alle Menschen und Tiere liebte und mit größtem Respekt behandelte.

Im Stamm gab es auch einen Mann namens Brauner Bär, der viele Freunde hatte und zufrieden mit seiner Familie unter der Führung von Schlauer Fuchs lebte.

Eines Tages berichtete ein Krieger, dass merkwürdig aussehende Menschen ins Land gekommen wären. Sie trugen schwere, dunkle Stoffe und hatten eine sehr helle Hautfarbe. Sie brauchten dringend Nahrungsmittel und Unterkunft und waren erschöpft von ihrem langen Weg.

„In ihrem Land hat man sie wegen ihres Glaubens nicht akzeptiert, sie wollen nun bei uns ein neues Leben aufbauen“, berichtete der Krieger.

Schlauer Fuchs war voller Mitleid. „Wie wollen diesen armen Menschen helfen. Wir geben ihnen Zelte und gehen für sie auf die Jagd. Wir werden ihnen zeigen, wie man Mais anbaut. Dieses Land ist so groß, es reicht für uns alle. Wir werden ihnen helfen, wo wir nur können. Wir werden sie als unsere Freunde willkommen heißen.“

Alle Stammesmitglieder stimmten ihm zu. Auch Brauner Bär und seine Familie brachten den Fremden alles, was sie entbehren konnten. Brauner Bärs Frau schien am Abend nach ihrem ersten Besuch ein wenig verstört; Brauner Bär fragte sie, was denn wäre.

„Ach, Brauner Bär … ich habe diesen Menschen in die Augen gesehen. ich glaube, es lag Verachtung in ihren Blicken.“

„Sie sind erschöpft von der langen Reise. Sie haben ihre Heimat verloren. Ich denke, dass du dich irrst. Diesen armen Menschen müssen wir mit Verständnis entgegentreten.“

„Ja, aber ich habe mich nicht wohlgefühlt. Ich denke nicht, dass sie uns mögen.“

Brauner Bär erklärte seiner Frau, dass sie das ganz sicher falsch empfunden hatte. Alle Menschen seien gleich und miteinander und mit allen Kreaturen verbunden.

„Sie werden sich schon an uns und ihr neues Leben gewöhnen. Du musst ihnen Zeit lassen.“

Seine Frau nickte, schien aber nicht überzeugt.

In den folgenden Monaten machte Brauner Bär selbst Erfahrungen, die er als unangenehm empfand. Die neuen Bewohner besiedelten viel Land und ernteten fast den gesamten Mais, den der Stamm angebaut hatte. Die Frauen seines Stammes gingen bald nicht mehr in die Siedlung der Weißen und hielten sich von ihnen fern, denn die Männer der Siedler machten obszöne Gesten und ein junges Mädchen war bereits vergewaltigt worden. Einige waren sehr nett und dankbar. Sie waren auch sehr interessiert an der Kultur von Brauner Bär. Aber es waren nicht genug. Die meisten begegneten Brauner Bär mit Geringschätzung, weil er kein zivilisierter Mensch war und einen anderen, heidnischen Glauben hatte. „Aber wir sind doch alle eins. Gott liebt uns alle gleichermaßen“, sagte Brauner Bär und wurde ausgelacht. „Nur unser Glaube ist der richtige, und deswegen stehen wir über allen, die Heiden sind“, sagten sie.

Eines Tages traf Brauner Bär auf der Jagd auf einen Siedler, der den Hasen, den Brauner Bär gerade erlegt hatte, einfach an sich nahm.

„Ich habe diesen Hasen getötet, nicht du. Ich habe nur Pfeil und Bogen, du aber ein Gewehr. Es ist nicht gerecht. Meine Familie hat Hunger.“

Der Siedler lachte roh. „Ihr seid nur Wilde. Ihr folgt nicht mal den Worten unseres Herrn. Ihr seid keine Menschen. Sei froh, dass ich dich nicht erschieße. Bald werden wir dieses Land beherrschen, das Gott uns gegeben hat.“

Brauner Bär starrte den Siedler verständnislos an. Der Siedler stopfte Brauner Bärs Hasen in seine Tasche und ging davon.

Am Abend berichtete Brauner Bär am Lagerfeuer von seinen Erlebnissen. Einige andere aus seinem Stamm bestätigten, dass ihnen auch schon so etwas passiert sei, und verwiesen auch auf die vergewaltigten Mädchen.

Schlauer Fuchs und die anderen schüttelten ungeduldig den Kopf.

„Brauner Bär, ich bin enttäuscht von dir. Das war doch nur ein Einzelfall. Dieser Mann hat gewiß in seiner früheren Heimat Schreckliches durchgemacht und muss sich davon erholen. Zweifellos ist er traumatisiert und wird sich bald in unsere Gesellschaft eingliedern und erkennen, dass alle Lebewesen eins sind.“

„Das glaube ich nicht, Schlauer Fuchs. Er sagte, dass er und seine Leute bald alles hier übernehmen werden. Dass unser Land ihnen von ihrem Gott übergeben wurde und wir keine Menschen sind. Wie soll er da erkennen, dass wir alle eins sind?“

„Brauner Bär! Wie kannst du nur solche Lügen erzählen? Ich bin entsetzt über dich! Du magst die Einwanderer nur nicht, weil sie anders aussehen als du!“

„Das stimmt nicht. Mir ist es egal, wie sie aussehen. Aber sie können doch nicht unsere Frauen vergewaltigen, unseren Mais stehlen und uns aus unserem Land verjagen!“

„Wir müssen hinnehmen, dass einige Einwanderer gewalttätig sind. Wir brauchen sie, weil wir sonst nur untereinander heiraten können und dann inzestuös degenerieren. Sie werden uns ernähren, wenn wir alt sind. Wir werden uns mit ihnen vermischen und alle zu einer großen, glücklichen Familie werden. Wir schaffen das! Ich verbiete dir, einem von ihnen auch nur ein Haar zu krümmen und jemals wieder so etwas Abscheuliches zu sagen.“

Brauner Bär starrte seinen Häuptling ungläubig an. Ein paar seiner Kameraden waren ebenso entsetzt. Aber die meisten nickten und stimmten Schlauer Fuchs zu. Sie wollten an diesem Abend nicht mehr mit Brauner Bär reden, und so wurden Brauner Bär und die paar, die seiner Meinung waren, nach und nach isoliert.

Jeden Monat kamen mehr Menschen in das Land geströmt, und sie bauten bald Häuser und errichteten Zäune. Während Brauner Bär traurig war, weil kein anderes Kind mehr mit seinen spielen wollte und seine Frau und er alle ihre Freunde verloren hatten, gab es immer wieder neue Vorfälle, über die untereinander gemunkelt wurde, die aber keiner mehr am Lagerfeuer zur Sprache brachte, weil Schlauer Fuchs und seine Ergebenen sofort jeden zum Schweigen brachten und aufs Übelste beschimpften.

„Ihr seid ein intolerantes Pack. Ich schäme mich, dass ihr in meinem Stamm seid. Geht zu Brauner Bär, der ist genauso ein Rassist wie ihr. Ich kann euch nicht mehr sehen!“, rief Schlauer Fuchs.

In der Nacht nach so einem Eklat stand das Zelt von Fliegender Vogel, dessen Frau man überfallen und ihr die gepflückten Beeren entrissen hatte, in Flammen.

Brauner Bär nahm Fliegender Vogel und seine Familie bei sich auf. Sein Zelt stand einsam ganz am Rand , denn die anderen hatten ihre Zelte mit großem Abstand zu ihm neu aufgebaut.

„Lange wird das nicht mehr gehen, denn die Siedler haben sich weiter ausgebreitet und am anderen Ende unseres Areals eine Weide für ihre Tiere eingezäunt. Uns geht der Platz aus. Wir müssen jetzt den anderen Weg zum Fluß nehmen, den über den Berg“, sagte die Frau von Brauner Bär traurig.

„Jeden Tag erzählt mir jemand von neuen Verbrechen gegen uns, aber man darf darüber nicht sprechen“, schimpfte Brauner Bär. „Wie soll das weitergehen? Gestern haben zehn von ihren jungen Männern den Sohn von Trampelnder Bison überfallen und verprügelt. Sie riefen ‚ungläubiger, dreckiger Indianer, verschwinde von hier!‘ und spuckten ihn an. Wieso lässt Schlauer Fuchs das nur zu? Und wieso folgen ihm noch so viele?“

„Ich weiß es nicht … aber bald ist es zu spät. Sie sind schon so viele und es heißt, dass noch mehr auf dem Weg sind. Noch mindestens vier Mal so viele, wie schon da sind“, seufzte seine Frau. Brauner Bär war entsetzt.

Am nächsten Abend bahnte er sich seinen Weg zum Lagerfeuer. Seine Stammesbrüder wichen vor ihm zurück, als habe er die Pest. Nur manche klopften ihm verstohlen auf den Rücken, wenn niemand es sah.

Schlauer Fuchs sah ihn ungnädig an und wollte ihn nicht sprechen lassen. Aber Brauner Bär gehorchte ihm zum ersten Mal in seinem Leben nicht.

„Du sitzt hier und siehst zu, wie unsere Frauen belästigt und vergewaltigt werden, wie unser Mais und unsere Felder gestohlen und uns unser Lagerplatz weggenommen wird. Wir haben nur noch erschwerten Zugang zu frischem Wasser, unsere Leute wagen sich kaum noch in die Wälder, weil man sie verprügelt und auf sie geschossen wird. Wir werden angespuckt, beschimpft und bedroht. Und nun kommen noch mehr, die uns nicht für Menschen halten und uns ganz offen ausrotten wollen. Du bist ein Verräter an deinem Volk!“

Empört schrien die anderen Stammesmitglieder auf. Brauner Bär spürte Fäuste in seinem Rücken und jemand trat nach ihm. Schlauer Fuchs sah ihn nur böse an und sagte nichts, während seine Anhänger Brauner Bär und seine Familie aus dem Areal vertrieben.

Brauner Bär fristete mit seiner Familie ein trostloses Dasein in der Nähe des Flusses, wo er sich niedergelassen hatte. Oft hungerten sie, denn in den Wäldern zu jagen war nicht mehr sicher. Ab und zu traf er auf seine ehemaligen Stammesgenossen. Manche sahen angewidert weg, andere bedrohten ihn offen. Einige kamen unauffällig zu ihm und flüsterten ihm zu, dass sie den Zuzug der Weißen genauso kritisch sahen wie er, aber nichts zu tun wagten. Sie fürchteten, ebenso ausgestoßen zu werden wie Brauner Bär.

So vergingen einige Monate, schließlich ein Jahr. Eines Tages sah Brauner Bär einen Strom von Menschen auf sein Zelt zukommen. Sie trugen ihr Hab und Gut auf dem Rücken, hatten ausgemergelte Gesichter und sahen kränklich und erschöpft aus. Erschrocken erkannte er, dass es sich um seinen Stamm handelte.

Schlauer Fuchs, der von den anderen getragen werden musste, flüsterte: „Brauner Bär, du und deine Familie müsst mit uns kommen. Die Weißen haben uns mit einer ihrer Krankheiten angesteckt und dann überfallen. Sie haben fast alle unsere Männer erschossen und den Rest von uns vertrieben. Aber wir werden woanders eine neue Heimat finden, das Land ist groß genug für uns alle. Diese Menschen werden sich noch anders besinnen und mit uns in Frieden zusammenleben, du wirst sehen! Es ist unsere Intoleranz, die daran schuld ist. Vor allem deine! Den Siedlern ist kein Vorwurf zu machen. Wenn wir uns ihnen anpassen, werden sie uns in ihrer Mitte willkommen heißen.“

Brauner Bär wich fassungslos zurück. „Du nimmst sie immer noch in Schutz und gibst mir die Schuld daran, dass sie uns massakrieren? Was bist du nur für ein Stammesführer? Du wirst dafür sorgen, dass von uns keiner übrigbleibt!“

„Rassistensau!“, schrien die, die Schlauer Fuchs trugen und spien vor Brauner Bär in den Staub. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Hustende Menschen mit grauen Gesichtern und schwarzen Ringen unter den Augen taumelten an Brauner Bär vorbei. Nach langer Zeit verschwanden sie am Horizont.

Brauner Bär und seine Familie packten in aller Eile ihre Sachen und wanderten in eine andere Richtung. Nach und nach erkannten sie, dass jeder Winkel des großen Landes in Beschlag genommen war und niemand sie, ‚die Wilden‘ in ihrer Nähe haben wollte. Nach vielen Monden kamen sie in ein kärgliches Land, in dem die Sonne brannte und der Boden sehr felsig und unfruchtbar war. Hier trafen sie auf die Reste ihres Stammes. Viele hießen sie freudig willkommen, aber es wandten ihnen nach wie vor einige kalt den Rücken zu. Alle waren abgemagert und nagten an blanken Knochen.

Brauner Bär und seine Familie gingen zum Lagerfeuer, vor dem die Trage von Schlauer Fuchs stand. Er lag im Sterben, aber er lächelte.

„Siehst du, Brauner Bär? Ich habe es doch gesagt. Es gibt Platz genug für uns alle. Alles ist gut gausgegangen. Wir haben es geschafft. Wir leben in Frieden mit den Siedlern. Wenn du und deine Intoleranz nicht gewesen wären, wäre es nie zu Mißverständnissen gekommen, und wir würden noch in unserer alten Heimat leben. Aber so ist es auch gut.“

„Das ist Unsinn“, sagte da eine Stimme zornig. Brauner Bär drehte sich um. Fast der ganze Rest des Stammes hatte sich hinter ihm versammelt. „Brauner Bär hatte von Anfang an recht. Wir haben es vielleicht zu spät erkannt, aber es stimmte alles, was er sagte. Wir hätten dir nicht weiter folgen, sondern kämpfen sollen.“

„Ihr seid alles widerliche Rassisten und solltet erschossen werden“, schimpften die Anhänger von Schlauer Fuchs und drängten sich hinter seiner Bahre. „Die Siedler sind gute Menschen, aber ihr seid es, die immer Zank und Streit gesucht haben! Ihr seid an allem schuld!“

Ehe Brauner Bär etwas sagen konnte, zogen beide Seiten ihre Waffen und stürzten sich unter lautem Kriegsgeschrei aufeinander. Es dauerte nur Minuten, dann lagen alle tot auf der unfruchtbaren Erde.

„Bist du nun zufrieden, Brauner Bär?“, krächzte Schlauer Fuchs vorwurfsvoll, „das ist dein Werk. Ach, hätte ich dich nach deiner Geburt bloß im Fluß ertränkt, bevor du unserem Stamm all das antun konntest! Du verdammter Rassist!“ Und er starb.

Brauner Bär und seine Familie verhungerten bald darauf.

Und die Moral von der Geschicht: Diese verdammten Rassisten sind das Problem!

(c) Lechyd Zdravi. All Rights reserved.

 

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